Textilfabriken in Bangladesch: Die für uns schuften

Textilfabriken in Bangladesch: Die für uns schuften

Reportage Sie sind auf den Spuren des größten Fabrikunfalls in der Geschichte Bangladeschs, sie sehen eine Textilfabrik von innen und sprechen mit dem Chef der größten Textilgewerkschaft – Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung recherchierten eine Woche entlang der globalen Textilkette.

Nun stehen wir hier beklommen herum, wo sich zwischen Knöpfen und Stoffresten die Fische tummeln. Da, wo einst das Rana Plaza stand, klafft heute ein mit Wasser gefülltes Loch, in dem wieder Fischzucht betrieben wird – wie vor dem Bau dieser Textilfabrik, 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Dhaka. Eine Gedenktafel erinnert an die tragische Katastrophe im April 2013, bei der 1134 Menschen starben und 2438 verletzt wurden. Es war der größte Fabrikunfall in der Geschichte Bangladeschs. Die Stofffetzen und Betongerippe erinnern daran, dass unsere billig erworbenen Textilien an anderen Orten der Welt teuer bezahlt werden.

Der Platz, an dem 2013 das Rana-Plaza-Gebäude einstürzte.

Wir machen uns auf den Weg zur Universität von Dhaka. Der Student Munna Abidazad führt uns über den geschichtsträchtigen Campus im Kolonialstil der 1920er Jahre, der sich wie eine grüne Oase anfühlt, nachdem wir gleich nach der Ankunft vom hektischen Verkehrsalltag Dhakas durchgerüttelt worden sind. Überall dröhnt lautstarkes Hupen, Autos und grell bemalte Rikschas konkurrieren um jeden Zentimeter Vorfahrt. Mit der heißen und staubigen Luft mischt sich das Hämmern auf den Baugerüsten, die überall in dieser derzeit am schnellsten wachsenden 16-Millionen-Megacity in den Himmel streben. Jeden Tag kommen neue Zuwanderer hinzu in der Hoffnung auf Arbeit – etwa in einer der rund 5600 Textilfabriken, die Bangladesch zum zweitgrößten Textilexporteur nach China aufsteigen ließen.

Wir treffen zehn aus Bangladesch stammende Studierende im Department für Soziologie. Und Dozentin Samina Luthfa. Sie schildert die Bilder des Entsetzens am Unglücksort Rana Plaza am Tag nach dem Einsturz. Die Bevölkerung half, weil die Rettungsdienste überfordert waren, sagt sie. Am Tag vor der Katastrophe waren Risse in den Wänden bemerkt worden, und viele Arbeiterinnen hatten sich geweigert, das Gebäude zu betreten. Das Management drohte mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Davon berichtet Luthfa und von Korruption und Schlendrian: Die Kontrollbehörden werden bestochen, zudem hätten die meisten Fabrikbesitzer ein politisches Amt inne. Wir werden als wichtige Bündnispartner gesehen. Druck aus dem Ausland sei nötig.

Ausbeutung und Emanzipation

„Jung, gering gebildet und mit wenig Berufserfahrung“, so kennzeichnet die Dozentin die Textilarbeiterinnen, über die sie geforscht hat. Viele sind schlecht ernährt und teilen sich auf engstem Raum mit anderen Frauen ein Zimmer nahe der Fabrik. Verglichen mit anderen textilproduzierenden Ländern verzeichnet Bangladesch mit einem Mindestlohn von 5300 Taka (53 Euro) pro Monat die niedrigsten Lohnkosten.Und der wird bisweilen noch umgangen, indem die neue Lohngruppe der Lehrlinge eingeführt wurde. Die Fabriken sind für die Frauen, die aus ländlichen Gebieten kommen und in den Familien nichts zu sagen haben, zugleich Orte der Ausbeutung, aber auch der Emanzipation, sagt Luthfa.

Die Universität von Dhaka

Am Abend sitzen wir inmitten neugieriger Blicke zusammen auf dem Rasen des Campus und diskutieren mit den Studierenden aus Bangladesch bei einem Tee auch Luthfas Botschaft: „Es braucht eine Bewegung aus den Frauen heraus. Die Gewerkschaften sind eine Möglichkeit, den Frauen eine Stimme zu geben.“

„Wird diese Möglichkeit genutzt?“, fragen wir Amirul Haque Amin, Mitbegründer und Präsident der National Garment Workers Federation, der Ende September mit dem Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis geehrt wurde. Wir drängen uns in die engen Büroräume der größten Branchengewerkschaft. Es gab wohl einen Rohrbruch, der Boden ist in einigen Räumen mit Wasser bedeckt, die Wände sind dicht beklebt mit Plakaten von Arbeitskämpfen. Während in den Jahren vor der Katastrophe nur zwei Textilgewerkschaften eine Registrierung erhielten, haben sich nach Rana Plaza aufgrund des internationalen Drucks mehr als 100 Betriebsgewerkschaften gegründet.

Nach Rana Plaza gründeten sich aufgrund des internationalen Drucks mehr als 100 Betriebsgewerkschaften im Textilgewerbe.

Die hohe Anzahl konkurrierender Kleingewerkschaften führt jedoch zu einer Fragmentierung und schmälert die Stimme der Arbeiterinnen, bedauert der Textilgewerkschafter. Und immer noch liegt der Organisationsgrad bei mageren fünf Prozent. Ein Grund seien die gesetzlichen Hürden, 30 Prozent der Beschäftigten müssen Mitglied sein, ehe das Gründungsgesuch dem Arbeitsministerium vorgelegt werden kann. Und immer wieder werden Gewerkschafter Opfer von brutalen Übergriffen und willkürlichen Verhaftungen durch vom Fabrikmanagement angeheuerte staatliche Sicherheitskräfte.

Arbeitsschutz in Deutschland verhandelt

Was sind die zentralen Forderungen? „Die Erhöhung des Mindestlohnes auf mindestens 10.000 Taka, ein sicheres Arbeitsumfeld und die Beseitigung von Geschlechterdiskriminierung“, erwidert Amirul. Was können wir tun? „Statt einer finanziellen Einweg-Unterstützung des armen Südens vom reichen Norden sollten wir globale Kämpfe gemeinsam in den Fokus rücken“, postuliert er und lobt die Betriebsräte von H&M, die Druck auf die Marke ausüben.

Als das erste rechtlich bindende Arbeitsschutzabkommen Bangladeschs, der Accord on Fire and Building Safety, im Mai 2013 im hessischen Eschborn unter dem Dach der GIZ verhandelt wurde, saß Amirul Haque Amin mit am Tisch. Der Accord wurde von mehr als 200 internationalen Bekleidungsmarken unterzeichnet und gilt für 1700 Fabriken, die seitdem vom Accord auf Mängel überprüft und notfalls geschlossen werden, sofern die Fabrikbesitzer die Gefahren nicht beseitigen. Jedoch läuft der Accord 2018 aus.

Mit dem Unterzeichnen des Accords haben die Marken offiziell anerkannt, dass sie Teil des Problems sind.
Brad Loewen, Chief Safety Inspector beim Accord

Wir fragen Brad Loewen, Chief Safety Inspector beim Accord, wie es nach 2018 weitergehen soll. Er sieht vor allem die bangladeschische Regierung in der Verantwortung, die notwendigen langfristigen Regularien durchzusetzen. Und die Marken. „Mit dem Unterzeichnen des Accords haben die Marken offiziell anerkannt, dass sie Teil des Problems sind. Wenn sie diese Verantwortung wirklich ernst nehmen, gibt es die Möglichkeit auf nachhaltige positive Veränderungen in der Textilbranche Bangladeschs“, so Loewen.

Eine der vom Accord kontrollierten Fabriken dürfen wir besuchen. Und wir sind stolz, dass uns die berühmte Fotografin und Aktivistin Taslima Akhter begleitet, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Näherinnen einsetzt. Jenes Bild von ihr, „Final Embrace“, das ein totes Paar in einer Umarmung in den Trümmern der eingestürzten Fabrik zeigt, ging 2013 um die Welt. Die Vorzeigefabrik liegt, wie die meisten Fabriken, in Savar, am Stadtrand von Dhaka. Ein Empfangskomitee überreicht uns Blumen, Visitenkarten werden ausgetauscht. Man gibt sich Mühe, der westlichen Gruppe die Fabrik in exzellentem Zustand zu präsentieren.

Bei der Vorzeigefabrik am Stadtrand von Dhaka wird sich Mühe gegeben, diese in exzellentem Zustand zu präsentieren.

Sogar die Näherinnen wurden angehalten, ihre Schuhe zu polieren, sie arbeiten ansonsten barfuß, sagt Taslima Akhter. Die uns zugefallene Rolle einer westlichen (Kontroll-)Delegation, deren schlechtes Urteil Tausende von Existenzen gefährden könnte, ist uns unangenehm.

Schwerpunkt der Fertigung sind elastische Jeans. 25 000 Hosen werden hier pro Monat unter anderen für Aldi und NKD hergestellt.

Der Schwerpunkt der Fertigung in der besuchten Fabrik sind elastische Jeans.

Etwa 120 Arbeitsschritte braucht die Herstellung so einer Hose vom Anfang bis zum Ende. Wir dürfen uns einige Schritte ansehen und schieben uns entlang der zehn Nähstraßen an den mehrheitlich weiblichen Arbeiterinnen vorbei.

Die Näherinnen in Bangladesch verdienen rund 50 Euro pro Monat.

Zur Anschauung liegt eine fertige Jeans, sogar mit Preisschild, bereit: 30 Euro kostet das Endprodukt im Laden. Doch die Produktionsfirma erhält nur 18 Euro für insgesamt zwölf Jeans, wovon sie Personal, Material, aber auch die Umbauten, die der Accord verlangt, bezahlen muss, wie uns der Fabrikmanager berichtet. Auch der umstrittene „Used Look“ wird in der Fabrik gemacht. Uns wird versichert, dass dies mit speziellen Glassteinen und nicht mit Sand geschieht. Gezeigt wird uns dieser Arbeitsschritt jedoch nicht.

Die besuchte Fabrik zählt zu den 1700 Fabriken, die mittlerweile ein rechtlich bindendes Arbeitsschutzabkommen, den Accord on Fire and Building Safety, besitzen.

Wir wollen auch die Entstehungsgeschichte der Megacity begreifen. Und treffen uns mit einer kleinen studentischen Initiative, der Urban Study Group. Sie möchte die letzten alten Gebäude vor dem Verfall oder gar Abriss bewahren und zeigt uns einen Tag lang das alte Dhaka, dessen Enge der Gassen und Sinnlichkeit der Gewürzmärkte bei uns einen tiefen Eindruck hinterlassen. Spontan laden uns die Stadtführer von der „Urban Study Group“ in ihr kleines Studentenzimmer ein. Sofort werden uns Früchte und Getränke in die Hände gedrückt, und einer der jungen Bangladeschi singt leidenschaftlich ein Volkslied. Mit feuchten Augen hängen wir an seinen Lippen und sind dankbar über diese nahe Begegnung.

Die Globalisierung des Handels muss mit einer Globalisierung der Rechenschaftspflicht einhergehen.
Henrik Maihack, Leiter des FES-Büros in Dhaka

Am Ende der ereignisreichen Woche sind sich alle einig: Überall entlang der globalen Wertschöpfungskette braucht es weitere Intervention. Der Accord ist ein Meilenstein für sichere Arbeitsbedingungen, doch läuft er 2018 aus. Ein „Buykott“ ist keine Lösung, da dieser die Näherinnen am härtesten trifft. Aber sich mit jedem Kauf gegen „Fast Fashion“ und gegen eine Wegwerfkultur zu entscheiden, ist wichtig. Doch ist es ein Fehlschluss, zu glauben, dass allein unser guter Wille und freiwillige Initiativen der Marken die Arbeitsbedingungen nachhaltig verändern.

„Die Globalisierung des Handels muss mit einer Globalisierung der Rechenschaftspflicht einhergehen“, fordert auch Henrik Maihack, Leiter des FES-Büros in Dhaka, im Gespräch mit uns. Man müsse dahin kommen, dass deutsche Marken dafür haften, wenn asiatische Arbeiterinnen, die für sie schuften, Leib und Leben riskieren.

Fotos: Taslima Akhter, Mohammad Tauheed – Curzon Hall, Dhaka University Area – CC BY-NC-ND 2.0


WEITERE INFORMATIONEN

Was hat sich in Bangladeschs Fabriken seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes verändert? Dort, wo für 30 westliche Unternehmen Kleidung produziert wurde, darunter KiK, Mango, Primark und Benetton? Das ist Thema der Studienreise, deren Programm Susann Grieger, Referentin in der Studienförderung konzipierte mit Unterstützung ihres Kollegen Markus Schupp und von Annika Salingré, Altstipendidatin und Projektleiterin Asien beim DGB Bildungswerk. Mit dabei waren Studentinnen der Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften, ein angehender Umweltingenieur und ein Theologiestudent. Sie sind dankbar, dass ihnen die Stiftung solche hautnahen Erfahrungen ermöglicht. Dankbar auch, dass sich Insider Zeit für Gespräche nahmen – darunter Vertreter der deutschen Botschaft, der GIZ, des Arbeitsministeriums, der ILO und des Bekleidungsherstellerverbands BGMEA.

Alles zum Thema Stipendien der Hans-Böckler-Stiftung findet sich hier.

Aktuelle Entwicklungen

Nach Streiks: Textilfabriken in Bangladesch entlassen Hunderte Arbeiter (Artikel auf SPIEGEL ONLINE)

Bangladesch: Das Schmuddelkind der globalen Textilindustrie (Artikel im Handelsblatt)

Textilkonflikt in Bangladesch: „An diesen T-Shirts klebt Blut“ (Artikel bei der IG Metall)


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