ThyssenKrupp Tata: Es geht ums Ganze

ThyssenKrupp Tata: Es geht ums Ganze

Thema Nachdem ThyssenKrupp die Ausgliederung der Stahlsparte in ein deutsch-indisches Joint Venture angekündigt hat, lotet eine Arbeitsgruppe aus Managern und Gewerkschaftern die Details der Fusion aus. Tausende Jobs gehen verloren. Zudem droht das Ende der Montanmitbestimmung in der Stahlsparte.

Erst Anfang dieser Woche hatte ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger versucht, erneut die Wogen zu glätten. Nach den heftigen Protesten von Beschäftigten und einer großen Protestdemo in Bochum versprach der Firmenchef in der „Bild“-Zeitung vollmundig, dass die deutschen Stahlkocher auch nach der Fusion der eigenen Stahlsparte mit der indischen Tata Steel die Montanmitbestimmung im neuen Unternehmen behalten würden.

Mit der Charmeoffensive versuchte Hiesinger erneut, Gewerkschafter und Beschäftigte zu besänftigen und für seinen radikalen Umbau bei ThyssenKrupp zu gewinnen. Schon die Einsetzung einer Arbeitsgruppe war ein erster Versuch, die aufgeheizte Stimmung abzukühlen, wie die Besetzungsliste zeigt. Die Leiter der Arbeitsgruppe sind Personalvorstand Oliver Burkhard, früher Bezirkschef der IG Metall NRW, sowie der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und IG-Metall‐Sekretär Markus Grolms.

Dennoch will man auf Gewerkschaftsseite den beschwichtigenden Worten Hiesingers nicht glauben. „Das ist doch alles aus der Luft gegriffen und eine Ankündigung ohne jeden Wert“, sagt Knut Giesler, Chef der nordrhein-westfälischen IG Metall im Gespräch mit unserem Magazin. Gieslers Misstrauen hat einen Grund. Das neue Unternehmen soll seinen Sitz in der niederländischen Region um Amsterdam bekommen.

Der Umzug ins Ausland ist eine Kampfansage

Doch die Niederlande kennen keine Unternehmensmitbestimmung nach deutschen Vorbild – schon gar keine Montanmitbestimmung, die über die Vorschriften des Mitbestimmungsgesetzes von 1976 hinausweist.„Also stellt sich für uns die Frage, wie Hiesinger das meint“, fragt auch der Konzernbetriebsratsvorsitzende Wilhelm Segerath. Er fürchtet um die jahrzehntelangen Früchte der Montanmitbestimmung im Unternehmen.

thyssenkrupp CEO Heinrich Hiesinger über die Konsolidierung

Dass Hiesinger den Stahlbeschäftigten in Deutschland ihre Montanmitbestimmung zusichert, ist für Segerath eine „Selbstverständlichkeit“, denn dazu sei das Unternehmen gesetzlich verpflichtet. Nur sei die Zusicherung ein Muster ohne Wert. Der Grund: Die wesentlichen Entscheidungen zur strategischen Ausrichtung des fusionierten Unternehmens werden zukünftig in den Niederlanden getroffen, in der  Dachgesellschaft der beiden fusionierten Stahlsparten.

Wenn das Kontrollgremium der neuen Holdinggesellschaft nach niederländischem Recht geführt wird, „werden in diesem Gremium Gewerkschaften und Betriebsräte nicht mehr vertreten sein“, ist sich auch Knut Giesler sicher. Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung und Mitglied im Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG, teilt diese Einschätzung: „Bei allen Unternehmens- und Standortentscheidungen durch die dann niederländische Holding würde das Aushebeln der Mitbestimmung billigend in Kauf genommen – ein nicht nachvollziehbarer Kulturbruch mit Nachteilen für die Arbeitnehmer in Deutschland und für das Land Nordrhein-Westfalen.“

Wenn Hiesinger es tatsächlich ernst meint mit der Mitbestimmung, gehöre der Sitz der neuen Holding in die Bundesrepublik, fordern Giesler, Segerath und Kluge. Schließlich würde in dem fusionierten Unternehmen ThyssenKrupp Steel Europe, also die Stahlsparte von ThyssenKrupp, zwei Drittel der Anlagen und auch die Mehrheit der Beschäftigung stellen, so der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats. Inzwischen haben sich auch DGB-Chef Reiner Hoffmann und der SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz dieser Forderung angeschlossen.

Mit dem Stahl gehen auch die guten Verträge

Für die Beschäftigten von ThyssenKrupp ginge es bei der Fusion „ums Ganze“, sagt Segerath. Die Montanmitbestimmung sichert Arbeitnehmern sehr weitgehende Mitbestimmungsrechte, weil der Aufsichtsrat dort paritätisch aus Arbeitnehmer und Arbeitgebervertretern besetzt ist – plus einem neutralen Aufsichtsratsvorsitzenden. Bei ThyssenKrupp wird schnell deutlich, was das bedeutet.

Werkseinfahrt von ThyssenKrupp Steel in Dortmund: Mit dem Stahl gehen die guten Verträge. (Foto: Karsten Schöne)

Nach der Zusammenlegung der Stahlsparten von Thyssen und Krupp-Hoesch im Jahr 1999 hatten sich Arbeitnehmer- und Unternehmensseite auf diese weitgehende Variante der Mitbestimmung im Konzern verständigt. Dort gilt eine besondere und eigenständige Mitbestimmungsregelung auf Basis des Mitbestimmungsgesetzes von 1976, gewerkschaftsintern Mitbestimmung76 plus genannt. Der feine Unterschied zum Standard: Durch die mitbestimmten Aufsichtsräte in den einzelnen Geschäftsbereichen wurde erreicht, dass im Vorstand der Konzern-AG immer ein Vorstandsmitglied für Personal zuständig sein muss und die IG Metall ein Erstvorschlagsrecht hat. Seit 2013 ist dies Oliver Burkhard.

Ohne den großen Druck durch die bestens organisierte und montanmitbestimmte Stahlsparte wäre das aber kaum möglich gewesen.  „Wir haben aufgrund der Montanmitbestimmung nicht nur in Tarifverträgen, sondern auch in Betriebsvereinbarungen im gesamten Konzern gute Vereinbarungen erzielt. Wenn der Stahl im Konzern nicht mehr die Rolle spielt, geht eine Menge an Tradition und an Solidarität verloren, gute Verträge würden schwieriger“, sagt Wilhelm Segerath.

Viele Details der Fusion sind völlig unklar

Das neue Unternehmen mit dem Namen „ThyssenKrupp Tata Steel“ soll ein 50/50-Joint-Venture sein, mit einem prognostizierten Gesamtumsatz von 15 Milliarden Euro und 48 000 Mitarbeitern. Von der Fusion erwarten sich beide Unternehmen Einsparungen von bis zu 600 Millionen Euro jährlich. Dafür sollen 4000 Arbeitsplätze entfallen, davon 2000 bei ThyssenKrupp Steel, das derzeit rund 27 000 Arbeitsplätze hat, davon 25 000 in Deutschland. Und ob es dabei bleiben wird, ist allerdings fraglich – auch angesichts des bereits laufenden Personalabbaus in der Verwaltung von mehreren Tausend Stellen.

Arbeitsniederlegung bei Thyssen-Krupp - Proteste gegen Tata-Fusion

Im Jahr 2020 läuft die vereinbarte Beschäftigungssicherung aus – und zur Frage, ob danach weitere Jobs abgebaut werden, hält sich Hiesinger bedeckt. Wie sich die wirtschaftliche Situation des Unternehmens und der Weltstahlmarkt entwickle, könne man jetzt noch nicht abschätzen, so der Firmenchef.

Ein Konzern sucht neue Geschäftsfelder

Aus Unternehmenssicht sind die Gründe für die Verselbständigung der Stahlsparte offensichtlich. Die Stahlsparte spielt in der Bilanz des Gesamtunternehmen nur noch eine nachgeordnete Rolle, ThyssenKrupp sei längst „kein Stahl-Konzern mehr“, äußerte Hiesinger bereits vor Monaten. Inzwischen trägt die Sparte nur noch zu einem Fünftel zum Gesamtumsatz von aktuell rund 39 Milliarden bei, wichtigste Wachstumstreiber des Unternehmens mit 156 000 Beschäftigten sind längst die Aufzugssparte und der Bereich „Components Technology“, der Zulieferteile für die Autoindustrie produziert.

Glühendes Stahl-Schlacke-Gemisch bei ThyssenKrupp MillServices: Die Stahlsparte macht nur ein Fünftel des Konzernumsatzes aus. (Foto: Karsten Schöne)

Gleichzeitig ächzt der weltweite Stahlmarkt unter massiven Überkapazitäten und stark schwankenden Preisen, die seit Jahren zu sinkenden Erlösen in der Sparte führen. Hiesinger will deshalb die preisanfällige Stahlsparte abstoßen und das Unternehmen für neuere, lukrativere Geschäftsfelder öffnen.

Allerdings sind die deutschen Stahlstandorte des Konzerns mitnichten Krisenkandidaten. Denn die Stahlpreise werden nicht nur durch die Überkapazitäten, sondern auch von der Qualität des erzeugten Stahls bestimmt. „In der Bundesrepublik haben wir Standorte, die gutaufgestellt sind und die kontinuierlich schwarze Zahlen schreiben“, sagt Wilhelm Segerath.

Das belegen auch Zahlen über die Kapazitätsauslastung des weltweiten Branchenverbandes World of Steel. Während diese danach weltweit aktuell im Durchschnitt bei 72,2 Prozent liegt und in China, wo das Gros der Überkapazitäten produziert wird, noch deutlich geringer ist, liegt die Kapazitätsauslastung bei der ThyssenKrupp Steel Europe bei mehr als 80 Prozent, was vor allem an der Orientierung auf hochwertige Stahlprodukte liegt.

Was jetzt gefragt ist, ist Information

Die IG Metall, die Betriebsräte und die Beschäftigten fordern deshalb in den nun startenden Gesprächen vor allem erst einmal ausreichende Informationen, wie das neue Unternehmen wirtschaftlich und rechtlich aufgestellt werden soll. Derzeit sei vieles ungeklärt, sagt Knut Giesler. Die Gewerkschaften erwarten von der Firmenleitung viele Informationen, etwa eine Auflistung der Produktangebote und aller Produktionsanlagen beider Unternehmen, Details über die Finanzierungsbedingungen, eine Klärung kartellrechtlicher Fragen und nicht zuletzt zur Frage, ob das neue Unternehmen tatsächlich nicht für den milliardenschweren britischen Pensionsfonds von Tata Steel haften muss. „Darüber wollen wir endlich Klarheit bekommen“, fordert Giesler.

Tatsächlich ist der Pensionsfonds mit einem Volumen von rund 15 Milliarden britischen Pfund – was rund 17 Milliarden Euro entspricht – eine der vielen Unbekannten, trotz anderslautender Beteuerungen von Tata. Das indische Unternehmen hatte im August eine Finanzspritze von 550 Millionen britischen Pfund in den Fonds gepumpt und angekündigt, den Pensionsfonds vom britischen Stahlgeschäft abzukoppeln. Gleichzeitig jedoch beteiligt sich der Fonds nun mit 33 Prozent an Tata Steel Großbritannien. Ob diese Schritte tatsächlich die deutsche Seite von möglichen Haftungsansprüchen befreien, wird nun Gegenstand ausgiebiger Prüfungen sein.

Beim Konzern-Betriebsrat hält man die Fusion der Stahlsparte mit Tata für keine Zukunftsoption. „Was wir sehen, ist doch in erster Linie Bilanzkosmetik“, meint Wilhelm Segerath. Das 50/50-Joint-Venture sei eine Konstruktion, um die Stahlsparte komplett aus der Bilanz des Konzerns herausschieben zu können, sagt er.

In einer Pressemitteilung von ThyssenKrupp war tatsächlich zu lesen, dass sich mit dem Joint Venture, also mit der Ausgliederung der Stahlsparte wesentliche Bilanzkennzahlen „signifikant verbessern, insbesondere die Eigenkapitalquote und das Gearing (Verhältnis von Nettofinanzschulden zu Eigenkapital)“. Segeraths Befürchtung: „Durch diesen Schritt kann man dem neuen Unternehmen Schulden mitgeben. So könnte aus der Stahlsparte von  ThyssenKrupp eine Art ‚Bad Bank‘ werden. Wir wollen aber kein Buchwertmonster mit einer riesigen Verschuldung schaffen, das angesichts des hohen Investitionsbedarfs beim Stahl nicht überleben kann.“

Tata dürfte sich von der Zusammenarbeit vor allem modernes Knowhow und ein breiteres Produktportfolio versprechen. Der Geschäftsführer von Tata Steel Europe, Koushik Chatterjee, hat in in einem Fernsehinterview mit dem indischen Business-Kanal ET Now erklärt, dass ThyssenKrupp ein „sehr guter Partner“ für Tata sei und es den Indern wichtig sei, das neue Joint Jenture nicht mit zu viel Schulden und Verbindlichkeiten zu belasten, damit es nachhaltig aufgestellt sei.  Immerhin nannte er aber eine Summe von etwa 6,5 Milliarden Euro Verbindlichkeiten, wovon Tata für rund 2,5 Milliarden verantwortlich ist.

Die IG Metall stellt klar, dass in den Gesprächen alle wesentlichen Details auf den Tisch gehörten und sorgsam geprüft werden. Der enge Zeitplan, den Firmenchef Hiesinger angesetzt habe, sei „sein Problem“, findet Knut Giesler. Eigentlich wollen beide Unternehmen bis Januar 2018 zu einer Verständigung kommen, bis Ende 2018 soll die Fusion über die Bühne gehen, sofern die Kartellbehörden mitspielen. Laut Knut Giesler werde die Arbeitnehmerseite jedoch keiner Fusion zustimmen, solang etwa die Sicherung der Beschäftigung und ein tragfähiges und ausfinanziertes Konzept nicht stehe. „Wer werden uns dazu nicht unter Druck setzen lassen.“

Aufmacherfoto: Thomas Pflaum/VISUM

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