Transparente Kopfarbeit im Büro der Zukunft

Transparente Kopfarbeit im Büro der Zukunft

Stiftung Digitale Fließbänder halten Einzug in Büros und erhöhen den Stress. Für Beschäftigte in IT- und Entwicklungsabteilungen bergen die neuen Techniken aber auch Chancen.

Der aktuelle Umbruch in der Arbeitsorganisation ist so bedeutsam wie die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert. Das beschreibt ein Wissenschaftlerteam unter Leitung des Soziologen Andreas Boes, welcher auch Mitglied der Kommission „Arbeit der Zukunft“ ist und dort auf Initiative der Hans-Böckler-Stiftung versucht, neue Perspektiven auf aktuelle Entwicklungen in der Arbeitswelt zu erhalten. Die Zerstückelung der Tätigkeiten in Einzelschritte war die Voraussetzung für das Fließband – und diese tayloristische Arbeitsweise hält nun Einzug in Büros. Zugleich ermöglichen die digitalen Techniken aber auch neue Formen hierarchiefreier Zusammenarbeit und Selbstorganisation.

Die Forscher haben in den Bereichen IT, Automobil, Maschinenbau und Elektrotechnik recherchiert. Dabei führten sie in sechs Vorreiterunternehmen Dutzende von Interviews mit Beschäftigten, Managern und Betriebsräten und versuchten, das Ausmaß des Trends durch Befragungen in 13 weiteren Firmen abzuschätzen.

Transparenz und Stress durch „Lean Production“

In Verwaltungsabteilungen sind viele Arbeitsschritte inzwischen minutiös vorgegeben, Ticketsysteme schieben kontinuierlich Aufträge nach. Die Digitalisierung schafft Transparenz, welche Aufgaben bereits abgearbeitet wurden. Diese „Lean Production“ zielt darauf ab, die Arbeitsabläufe „verschwendungsfrei“ zu organisieren und schränkt bisherige Freiräume ein. Die Beschäftigten fühlen sich durch die Neuerungen kontrolliert, gestresst und spüren häufig Rechtfertigungsdruck.

Die Rolle von Gewerkschaften und Betriebsräten ist hier zentral.
Andreas Boes, Soziologe und Mitglied der Kommission „Arbeit der Zukunft“

In Entwicklungs- und IT-Abteilungen kann Digitalisierung durch „agile“ Arbeitsmethoden dagegen beflügelnd wirken. Erfunden wurden diese von der freien Softwarebewegung: Eine Gruppe Gleichberechtigter treibt ein Projekt ohne Masterplan voran und unterstützt sich gegenseitig mit Ideen und durch Fehlerkorrekturen. Dank Transparenz und geteilter Verantwortung lernen die Beteiligten voneinander, und die Resultate werden immer besser.

Bei Google oder SAP gibt es seit längerem morgendliche Stehrunden für ganze Abteilungen – im Rahmen sogenannter Scrums; andere Firmen folgten. Zugleich werden viele Teams aber auch in getaktete Wertschöpfungsketten des Gesamtunternehmens eingebunden. Hier bedeutet „Lean Production“ die Einführung von vierwöchigen Sprints, zu denen die Gruppen Ergebnisse vorlegen müssen. „Dreh- und Angelpunkt für die Arbeitsqualität ist die Frage, ob das Management den Schwerpunkt auf motivierendes Empowerment der Beschäftigten oder auf Kontrolle und Taktung setzt“, fasst Tobias Kämpf vom ISF München zusammen, der an der Studie mitgearbeitet hat.

Andreas Boes vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. ISF München bei einem Werkstattgespräch der Kommission "Arbeit der Zukunft"

Und was bedeutet das für Betriebsräte und Gewerkschaften? „Die Rolle von Gewerkschaften und Betriebsräten ist hier zentral“, so Projektleiter Andreas Boes: „Nur sie können das Vertrauen schaffen, das nötig ist, damit sich alle Beschäftigten angstfrei in den gemeinsamen Lernprozess begeben können, der ja agiles Arbeiten im besten Fall bedeutet.“

Fotos: picture alliance / obs / Paperworld Messe Frankfurt, Anna Weise


WEITERE INFORMATIONEN

Andreas Boes, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr: „Lean“ und „agil“ im Büro Neue Formen der Organisation von Kopfarbeit in der digitalen Transformation. Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 23

Wie kann der digitale Wandel der Arbeitswelt im Interesse der Beschäftigten gestaltet werden? Damit beschäftigt sich auf Initiative der Hans-Böckler-Stiftung die Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“. Mehr zur Kommission und ihren Forschungsergebnissen unter: arbeit-der-zukunft.de


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