Volksparteien verlieren Vernachlässigte

Volksparteien verlieren Vernachlässigte

Thema Knapp 60 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung haben ein Bild von Gesellschaft und Politik, das von Verunsicherung oder Enttäuschung geprägt ist. In diesen Gruppen haben die Volksparteien stark an Zuspruch verloren.

Auch wenn die Wirtschaft gut läuft: „Gefühle von Ohnmacht, Frustration und Enttäuschung haben insgesamt zugenommen“, stellen Rita Müller-Hilmer, Richard Hilmer und Jérémie Gagné fest. Die Experten vom Berliner Politikforschungsinstitut Policy Matters haben für die Hans-Böckler-Stiftung in mehreren Wellen rund 5000 Wahlberechtigte befragt. Die Ergebnisse wurden am 6. Februar auf dem Neujahrsempfang der Stiftung in Berlin vorgestellt.

Richard Hilmer von „policy matters“ auf dem Neujahrsempfang in Berlin (Foto: Bettina Ausserhofer)

Kennzeichnend in den verunsicherten und enttäuschten Gruppen, die sich vor allem in der Mittelschicht und unteren Schichten finden, sei ein Gefühl von „Kontrollverlust“. Dies beziehe sich, in unterschiedlicher Ausprägung, auf wahrgenommene Fehlentwicklungen in Arbeitswelt und Lebensumfeld, etwa den gewachsenen Anteil atypischer Beschäftigung, die Bedrohung von Qualifikationen durch Digitalisierung, stark steigende Mieten oder die erhöhte Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Diese Verunsicherung begünstige, dass auch die gewachsene Heterogenität der Gesellschaft und die Zuwanderung sehr kritisch gesehen werden.

Zudem haben laut der Untersuchung „Tendenzen der sozialen Vereinzelung“ zugenommen, „während zur Kompensation konservative Haltepunkte wie Nationalstolz und Recht und Ordnung an Bedeutung gewinnen“. So rangiert unter den Befragten „Verantwortung für sich selbst übernehmen“ weit vorne – mit 95 Prozent. Allerdings halten auch 92 Prozent „soziale Gerechtigkeit“ für zentral.

Rita Müller-Hilmer von „policy matters“ zusammen mit Reiner Hoffmann (l.), Wolfgang Thierse (2.v.l.) und Richard Hilmer auf dem Podium in Berlin (Foto: Bettina Ausserhofer)

Auf Basis der Befragungsdaten bilden die Forscher neun politische Typen:

Drei, von denen zwei gemessen an Selbsteinschätzung und Bildungsstatus zur Ober- und einer zur Mittelschicht zählen, sind mit ihrer persönlichen Situation und der gesellschaftlichen Lage überwiegend zufrieden. Dieses Cluster, zu dem 43 Prozent der Wahlberechtigten zählen, ist vergleichsweise „libertär“ eingestellt. Es besteht einerseits „aus Kosmopoliten, die Chancen der Globalisierung und Vorteile der neuen Technologien für sich nutzbar machen können, andererseits aus Teilen der älteren Generation, die die sozialen und Leistungsversprechen eingelöst sehen, in bescheidenem Wohlstand leben und wenig Sorgen vor einer Verschlechterung ihrer Lage haben“, so die Forscher.

Das Cluster der Verunsicherten umfasst ebenfalls drei Typen, einen aus der Ober-, zwei aus der Mittelschicht. Es macht 32 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung aus. Den Forschern zufolge sehen sie „das ihnen wichtige gesellschaftliche Leistungsversprechen durch Globalisierung, neue Technologien und den Anstieg der Zuwanderung in Frage gestellt. Sie plädieren insgesamt für eine härtere und kompetitivere Gesellschaft“.

Die drei Typen im Cluster der Enttäuschten stellen 25 Prozent der Wahlberechtigten. Einer gehört zur Mittel- und zwei zur Unterschicht. Die Menschen in dieser Gruppe „bemängeln sowohl ihr eigenes Schicksal als auch den Zustand der Gesellschaft insgesamt – sozial wie politisch“, schreiben die Experten. „Ungerechtigkeitsgefühle und die Wahrnehmung, politisch kein Gehör zu finden, sind hier sehr stark ausgeprägt.“

Den größten Zuspruch – zusammengenommen über 60 Prozent – finden Union und SPD in zwei der drei „zufriedenen“ Milieus. Das dritte, die „kritische Bildungselite“ wählt neben SPD vor allem Linkspartei und Grüne. Insgesamt ist der Stimmanteil der AfD im „zufriedenen“ Cluster deutlich unterdurchschnittlich. In den „verunsicherten“ und „enttäuschten“ Gruppen kommen die Volksparteien dagegen in der Regel auf maximal 50 Prozent, der AfD-Anteil liegt meist deutlich über dem Durchschnitt des Bundestagsergebnisses. Im „abgehängten Prekariat“, das zu den Enttäuschten zählt, gingen sogar 39 Prozent der Stimmen an die AfD. Union und SPD kamen zusammengenommen auf 41 Prozent.

Die gewachsene Distanz zwischen Volksparteien und großen Teilen der Wählerschaft beruhe auf Gegenseitigkeit, analysiert Wahlforscher Hilmer: „Die Union ist sozioökonomisch wie kulturell an die SPD herangerückt. Die Parteiführungen von SPD und CDU verstehen und bedienen primär zufriedene politische Typen im libertären politischen Spektrum. Verunsicherte Gruppen werden vernachlässigt.“ Einen Beitrag zu einer Wiederannäherung könnte eine Politik leisten, die für mehr Stabilität in der Arbeitswelt sorgt. Darauf weist etwa ein Befund aus einer Vorläuferstudie von Policy Matters und der Soziologieprofessorin Bettina Kohlrausch hin: Für eine Teilgruppe beobachteten die Forscher, dass Personen in einem festen beziehungsweise tarifvertraglich geregelten Arbeitsverhältnis signifikant weniger zu Rechtspopulisten tendierten als Beschäftigte mit atypischen oder tariflosen Jobs.

Aufmacherfoto: Bettina Ausserhofer


WEITERE INFORMATIONEN

Rita Müller-Hilmer, Jérémie Gagné: Was verbindet, was trennt die Deutschen? (pdf) Forschungsförderungs-Report der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 2, Februar 2018

Dokumentation (u.a. mit Videos und Tagungsbericht) des Neujahrsempfangs auf der Website der Hans-Böckler-Stiftung


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