Was tun gegen den Hass?

Was tun gegen den Hass?

Stiftung Mit Rassisten zu diskutieren, sei der falsche Weg, meint der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn. Auf einer Tagung der Hans-Böckler-Stiftung fordert er: Extrem rechte Positionen müssen wieder konsequent ausgegrenzt werden.

„Du ekelerregende Mastsau, Beschützer des minderwertigen Abschaums: Fäkalienvölker. Genau wie die bietet sich eine Dreckskreatur wie Du zum Vergasen an. Wäre dieses Land noch sauber, würdest Du unter das mehr als notwendige Euthanasieprogramm fallen.“ Diese rassistisch getränkte Morddrohung hinterließ kürzlich ein Kommentator unter der wöchentlichen Kolumne von Thomas Fischer bei Zeit Online. Es war weder die erste noch die letzte Botschaft dieser Art, die dem Richter am Bundesgerichtshof zuteil wurde: Die Hasstiraden, die er Woche für Woche auf sich zieht, wären als „Shitstorm“ noch verharmlosend bezeichnet. Dabei tut Fischer nichts anderes, als, wenn auch polemisch, für Rechtsstaat und Vernunft zu streiten.

Früher war Konsens: Man spricht zwar über Rassismus, aber nicht mit Rassisten.
Samuel Salzborn, Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen

Beispiele wie dieses finden sich in den digitalen Abgründen zuhauf. Wer gegen das verstößt, was eine lauter werdende Minderheit für „Volkes Wille“ hält, bekommt in den sozialen Netzwerken umgehend die hasstriefende Quittung. Facebook und Twitter sind voll von rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Ausfällen, von kruden Verschwörungsideologien, von Beleidigungen und Morddrohungen. Und all das bleibt nicht nur im virtuellen Raum: Mehr als 2.000 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte wurden seit 2015 gezählt. Die selbsternannten Abendlandretter von Pegida hängten Angela Merkel und Sigmar Gabriel symbolisch an den Galgen und riefen zur Gewalt gegen Journalisten auf. Und aus der AfD kommt eine verbale Provokation nach der anderen.

Mediale Resonanz für extrem rechte Positionen

„Die Grenze des Sagbaren hat sich verschoben“, analysiert Samuel Salzborn, Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen und Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung. „Früher war Konsens: Man spricht zwar über Rassismus, aber nicht mit Rassisten.“ Heute dagegen könnten extrem rechte und demokratiefeindliche Positionen mit großer Resonanz rechnen. Und das keineswegs nur in den Verstärkerkammern des Internets, sondern auch in den traditionellen Medien. „Früher“, meint Salzborn und spielt auf die geschichtsrevisionistische Dresdner Rede des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke an, „hätte man als Reaktion auf völkische und antisemitische Positionen kein Wortlaut-Interview im Spiegel bekommen.“

Seine Thesen präsentierte der Göttinger Politologe als Keynote-Speaker bei der diesjährigen wissenschaftlichen Tagung der Promovierenden der Hans-Böckler-Stiftung. Vom 20. bis zum 22. März 2017 trafen sich rund 70 Nachwuchswissenschaftler in Kassel zu einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Phänomen des wachsenden Hasses.

Orgateam der wissenschaftlichen Tagung der Promovierenden 2017 mit Referenten: von links Jessica Lütgens, Dirk Lampe, Prof. Samuel Salzborn, Mario Zehe, Prof. Sangyun Kim, Martin Seiferth

Salzborn, selbst Altstipendiat der Stiftung, sorgte dabei für die gesellschaftspolitische Einbettung. Er erinnerte an den „Kampf um die kulturelle Hegemonie“, den die Vordenker der sogenannten Neuen Rechten seit Jahrzehnten propagieren. Ziel sei, Begriffe und Debatten zu prägen. „Und wenn man sieht, was heute in Talkshows ganz selbstverständlich als verhandelbar gilt, sind sie damit ganz schön weit gekommen.“

Salzborn fordert mehr Ausgrenzung – im Sinne des Grundgesetzes

Exemplarisch nannte Salzborn das Schlagwort von der „Political Correctness“, mit dem vermeintliche Denk- und Sprechverbote angeprangert werden sollen. In den 1990er-Jahren unter maßgeblicher Mitwirkung der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ nach Deutschland importiert, ist der Begriff, mal mehr, mal weniger ernst gemeint, mittlerweile fest im politischen Diskurs etabliert. Aber, warnt der Politikwissenschaftler: „Man kauft mit diesem Begriff von vornherein Verschwörungsglauben ein – ganz egal, was man selbst damit verbindet.“ Den Glauben nämlich an irgendwelche mächtigen Interessengruppen, die jenseits des geltenden Rechts die öffentliche Meinung dominieren. Und damit verschaffe man derartigen Weltbildern, ob gewollt oder nicht, einen weiteren Resonanzraum.

„Rechtsextreme Positionen müssen aus der Öffentlichkeit wieder ausgegrenzt werden“, so Samuel Salzborn.

Bei dem Bemühen, Themen durch Schlagworte zu lancieren, spiele das Internet den Rechten in die Hände, sagte Salzborn. Argumente würden durch Twitter-Slogans, durch Bilder oder Videos ersetzt. Dagegen hätten es komplexe Antworten schwer. „Das Internet reduziert die Möglichkeit zu argumentieren.“ Und es trage dazu bei, dass ein gesellschaftliches Klima herrsche, in dem sich Menschen mit extrem rechten Einstellungen nicht mehr rechtfertigen müssten, sondern als heimliche Mehrheit fühlen könnten – und deshalb nicht mehr davor zurückscheuen, ihrem Denken auch ein Handeln folgen zu lassen.

Um dem entgegenzuwirken, gibt es für Salzborn nur eine Möglichkeit: „Rechtsextreme Positionen müssen aus der Öffentlichkeit wieder ausgegrenzt werden“, forderte er. Und das, betonte er, sei keineswegs undemokratisch. „Das Grundgesetz garantiert, dass man uneinig sein darf – aber nicht auf beliebiger Grundlage.“ Sondern auf Grundlage des politischen und gesellschaftlichen Pluralismus, den die Rechten als Feinde der Demokratie am liebsten abschaffen wollen.

Radikalisierung ergreift Kopf und Körper

Organisiert hatte die Tagung ein vierköpfiges Team aus Promotionsstipendiaten zusammen mit der Abteilung Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung. „Wir wollten die Möglichkeiten, die uns die Stiftung gibt, kreativ nutzen“, sagte Stipendiat Dirk Lampe, „und etwas machen, was andere Tagungen zum Thema Hass nicht tun.“ Nämlich: den Blick einmal ganz weit öffnen und verschiedenste Ansätze zusammenbringen.

Die Beiträge sind disparat im besten Sinne.
Mitorganisator Mario Zehe

Eine Interdisziplinarität, die bereits im Organisationsteam der Tagung begann: Lampe ist Kriminologe; seine Mitorganisatoren sind eine Erziehungswissenschaftlerin, ein Jurist und ein Politikwissenschaftler. Unter den Referenten fanden sich dann unter anderem auch Historiker, Philosophen und sogar ein Psychiater. „Die Beiträge“, sagte Mitorganisator Mario Zehe, „sind disparat im besten Sinne.“

In sieben Panels und zwei weiteren Keynote-Vorträgen erfolgte, was im Tagungstitel „Betrachtung gesellschaftlicher Zerwürfnisse“ genannt worden war. Theoretische Zugänge wurden genauso erörtert wie der praktische Umgang mit Hassreden und Cybermobbing. Forschungsprojekte zu verschiedenen Varianten von Hass und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, von Antisemitismus über Rassismus und Anti-Ziganismus bis zu Homophobie und Behindertenfeindlichkeit, wurden vorgestellt und diskutiert.

Und einer der Referenten gab freimütig zu, dass er nicht zuletzt auch sich selbst erforscht: Der Kulturwissenschaftler Christian Weißgerber war als Jugendlicher ein aktiver Neonazi in Thüringen, bis er 2011 ausstieg und zum Aufklärer gegen Rechts wurde. In seiner Dissertation will er herausfinden, wie soziale Medien als „Affektproduzenten“ wirken, die Menschen über die Gefühlsebene für menschenfeindliche Positionen empfänglich machen.

Psychiater Timo Beeker (links) und Kulturwissenschaftler Christian Weißgerber, Referenten beim Panel „Affektive Dimensionen des Hasses“

„Die Radikalisierung ergreift die Körper ebenso wie die Köpfe“, meint Weißgerber. Wer als Aussteiger nur lerne, anders zu sprechen, verwandele sich in einen „Wolf im Schafspelz“. „Man muss auch lernen, anders zu fühlen.“ Und zum Beispiel keinen stechenden Schmerz im Bauch mehr zu spüren, wenn man Menschen verschiedener Hautfarbe Händchen halten sieht.

Fotos: MSH von craigfinlay unter CC BY 2.0 (oben); Joachim F. Tornau (Veranstaltung)

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