Wie Arbeit im Krankenhaus krank macht

Wie Arbeit im Krankenhaus krank macht

Thema Im Gesundheitswesen ist Burn-out so verbreitet wie sonst nirgends. Seit die Betriebswirtschaft den Klinikbetrieb dominiert, wird die Personaldecke ausgedünnt, der Krankenstand ist sehr hoch, die Gefährdungsanzeigen steigen. Ver.di engagiert sich mit den Beschäftigten und für die Patienten gegen diese unwürdigen Zustände.

Als Ralf Schmid vor mehr als 20 Jahren Gesamtbetriebsratsvorsitzender der berufsgenossenschaftlichen Unfallkliniken in Tübingen und Ludwigshafen wurde, stand der Schutz der Pflegekräfte vor Skeletterkrankungen ganz oben auf seiner Prioritätenliste. „Burn-out war damals noch ein Fremdwort“, erzählt der 54-Jährige.

Ralf Schmid, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der berufsgenossenschaftlichen Unfallkliniken in Tübingen und Ludwigshafen (Foto: Monika Blessing)

Dank zahlreicher Hilfsmittel haben die Pflegenden heute deutlich seltener Rücken- oder Gelenkprobleme – aber immer mehr leiden an psychischen Erkrankungen. Deutschlandweit ist das Ausmaß alarmierend, wie der von der DAK veröffentlichte „Psychoreport 2015“ belegt. Ausgerechnet das Gesundheitswesen liegt bei den krankheitsbedingten Fehltagen 50 Prozent über dem Durchschnitt und mit weitem Abstand an der Spitze.

Das Pflegepersonal leidet darunter, dass es sich den Patienten zu wenig zuwenden kann. Wie sie arbeiten, entspricht nicht dem, was sie gelernt haben und es belastet ihr Gewissen.
Baki Selcuk, Betriebsratsvorsitzender am Helios-Klinikum Emil von Behring in Berlin

Die BG Unfallklinik in Tübingen etwa ist spezialisiert auf Unfallchirurgie und Schwerbrandverletzte, was Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen hat, die jederzeit Tag- und Nachteinsätze erfordern. Einige Kolleginnen haben Betriebsrat Ralf Schmid anvertraut, was sie belastet. In den meisten Fällen aber sind es die langen Ausfallzeiten von mindestens vier Monaten, aus denen der Arbeitnehmervertreter ableitet, dass wieder jemand aus seiner Belegschaft „ausgebrannt“ ist.

„Wer Burn-out hat, spricht selten darüber“, bestätigt sein Amtskollege Baki Selcuk aus dem Berliner Emil-von-Behring-Klinikum, das zum Helios-Konzern gehört. Was Selcuk dagegen oft hört, sind Klagen des Pflegepersonals, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. „Sie leiden darunter, dass sie sich den Patienten zu wenig zuwenden können. Wie sie arbeiten, entspricht nicht dem, was sie gelernt haben und es belastet ihr Gewissen.“ Tiefe Erschöpfung, nächtliches Aufschrecken, Angst, innere Leere und das Gefühl, sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen zu können sind die typischen Burn-out-Reaktionen.

Menschlicher Kontakt immer unter Zeitdruck

„Voraussetzung für unseren Beruf ist es, gern mit Menschen zu arbeiten. Wir erleben sie in Ausnahmesituationen, die für sie wichtig sind, und dadurch kriegt man einen Draht zu ihnen“, sagt Silvia Habekost, die im Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain als stellvertretende Leiterin der Anästhesie arbeitet und ver.di-Vertrauensfrau ist. Zugleich seien die Patienten existenziell auf Hilfe angewiesen. Für beide Seiten sei es schwer auszuhalten, wenn der Kontakt immer unter Zeitdruck stattfinden muss, so die 54-Jährige.

Silvia Habekost, stellvertretende Leiterin der Anästhesie im Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain (Foto: Rolf Schulten)

Waren früher Gewinne im Krankenhaus gesetzlich verboten, verschob sich der Fokus vor allem seit Einführung von Fallpauschalen im Jahr 2003 immer weiter in Richtung Betriebswirtschaft und Wettbewerb. „Nicht der Bedarf steht im Zentrum, sondern das Budget“, fasst Silvia Habekost zusammen. Das Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ hat zahlreiche Beispiele zusammengetragen, die den Irrsinn der Entwicklung belegen: Lukrative Bandscheiben-OPs haben sich binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt, die Implantation von Aortaklappen am Herzen sogar verzwanzigfacht.

Gespart wird dagegen am Personal. Beim Verhältnis von Pflegekräften zu Patienten bildet das relativ wohlhabende Deutschland im europäischen Vergleich weit hinter Polen, Spanien und Belgien klar das Schlusslicht, wie eine kürzlich veröffentlichte Böckler-Studie von Michael Simon und Sandra Mehmecke belegt.

Die Gewerkschaft ver.di hat im März 2017 den „Nachtdienst-Report“ veröffentlicht. Die Daten beruhen auf Kurzinterviews mit Klinikbeschäftigten, die in der Stichnacht vom 5. zum 6. März 2015 21 Prozent aller Normal- und 32,5 Prozent der Intensivpatienten in Deutschland versorgten. Demnach sind fast zwei Drittel des Pflegepersonals nachts völlig allein auf der Station, so dass sich eine Person um durchschnittlich 26 Kranke kümmert. In manchen Fällen hat eine oder einer sogar die Verantwortung für über 40 Menschen.

Viele Patienten bekommen nicht alle für sie erforderlichen Leistungen, weil schlicht die Zeit fehlt, gaben über drei Viertel der 4280 Befragten an. Die Hälfte hatte in einer Nachtschicht während der vergangenen vier Wochen mindestens eine für einen Patienten gefährliche Situation erlebt, die bei einer besseren Personalausstattung vermeidbar gewesen wäre. Auch eine ausreichende Händedesinfektion unterbleibt in vielen Fällen. Das ist keine Lappalie: 10 000 bis 15 000 Menschen sterben jährlich an Krankenhauskeimen; eine ausreichende Händedesinfektion gilt als wichtigste Prophylaxe.

Authentische Beschreibung unwürdiger Zustände

Die Hetze beschreibt eine Krankenschwester im Nachtdienst-Report so: Nach dem Ausfall einer Hilfskraft war sie allein für 32 Patientinnen und Patienten zuständig, „davon sind neun zu überwachen, eine Patientin ist präfinal, vier Aufnahmen, zwei umtriebige und stark sturzgefährdete Patienten, eine Isolation bei MRSA (jeder Kontakt mit der Patientin erfordert Schutzkleidung, d. Red.), eine instabile Patientin, ein Patient, der die C-PAP-Maske tragen muss, aber nicht toleriert, zwei entgleiste Diabetiker (Werte müssen sehr häufig beobachtet werden, d.Red.).“

Sie schreibt weiter: „Ein Patient kommt eingekotet in die zentrale Aufnahme. Während der pflegerischen Maßnahme ist es nicht möglich, die zu überwachenden Patientinnen und Patienten adäquat im Auge zu behalten, da die Alarme erst auf dem Flur zu sehen sind. Angetrockneten Kot von den Leisten, Hoden, Penis und Gesäß zu entfernen, nimmt Zeit in Anspruch. Hierbei sollte der Patient nicht ständig vertröstet werden müssen, weil ich den Alarmen nachgehen muss – leider ging es nicht anders. Die Aufforderung, ich solle mir Hilfe von der zentralen Aufnahme holen, ist nur bedingt hilfreich. Da auch dort viele Patientinnen und Patienten waren, war eine adäquate Hilfe nur in der Zeit von 2 bis 3 Uhr nachts möglich.“

Das Arbeitszeitgesetz schreibt mindestens 30 Minuten Pause pro Schicht vor – zum Schutz der Gesundheit. Doch 70 Prozent der Befragten konnten diese Auszeit in der vorherigen Nachtschicht entweder gar nicht nehmen oder wurden dabei gestört. „Wenn eine Krankenschwester allein auf der Station ist und ein Patient klingelt, kann sie ihn ja nicht eine halbe Stunde lang warten lassen“, beschreibt Baki Selcuk die Situation. Deshalb hatten er und seine Betriebskollegen im Helios-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf durchgesetzt, dass nachts zwei zusätzliche Kräfte als Pausenablösung von Station zu Station gehen oder auf gegenüberliegenden Stationen drei Pflegekräfte eingesetzt werden.

Krankenstand 20 Prozent

„Wir haben festgestellt, dass einige Pflegekräfte trotzdem auf die Pause verzichteten und die Ablösung als Unterstützung nutzen, weil die Arbeit sonst nicht zu schaffen ist“, berichtet Selcuk. Auf manchen Stationen der Helios-Klinik beträgt der Krankenstand 20 Prozent. Dadurch wird die sowieso schon sehr dünne Personaldecke noch löchriger, der Stress nimmt weiter zu, die Wahrscheinlichkeit weiterer Ausfälle steigt.

Die Beschäftigten können nicht einmal ihre Freizeit nach den eigenen Bedürfnissen planen und verbringen, was noch mehr Stress bedeutet.
Niko Stumpfögger, Fachbereichsleiter Gesundheit in der ver.di-Bundesverwaltung

Viele Pflegekräfte gehen über ihre Grenzen, weil sie wissen, was ein weiterer Ausfall für die Kolleginnen bedeuten würde. „Bei Engpässen holen sich die Frauen inzwischen über Whatsapp gegenseitig aus dem Frei“, berichtet Niko Stumpfögger, Fachbereichsleiter Gesundheit in der ver.di-Bundesverwaltung.

Hinzu kommt, dass die Dienstpläne oft kurzfristig geändert werden. „So können die Beschäftigten nicht einmal ihre Freizeit nach den eigenen Bedürfnissen planen und verbringen, was noch mehr Stress bedeutet.“ Ver.di-Vertrauensfrau Silvia Habekost prognostiziert: „Das System steht vorm Kollaps. Irgendwann finden sie einfach kein Personal mehr.“ In ihrem Haus ist es schwierig, freie Stellen zu besetzen, und immer mehr arbeiten aufgrund der Belastungen Teilzeit, berichtet sie.

Strafgelder gegen Klinik wegen nicht gewährter Pausen

Fällt jemand aus oder müssen überdurchschnittlich viele Patienten intensiv überwacht werden, können die Beschäftigten durch Gefährdungsanzeigen zumindest die rechtliche Verantwortung für mögliche Schäden nach oben abgeben. Viele Betriebsräte verteilen Formulare, die die Pflegekräfte an die Geschäftsführung faxen können. Im Prinzip müsste die sofort Verstärkung organisieren – doch spätabends und nachts sind die Büros nicht besetzt. Ralf Schmid registriert eine Zunahme von jährlich 15 Prozent bei den Gefährdungsanzeigen. Sein Gremium hat durchgesetzt, dass in jedem Fall anschließend eine Besprechung stattfindet, an der die anzeigende Person, der Vorgesetzte, der zuständige Direktor sowie ein Mitarbeitervertreter teilnehmen. „Bei solchen Besprechungen kriege ich dann oft mit, dass Kollegen schon seit Monaten krankgeschrieben sind,“ berichtet Schmid.

Dagegen ist sich Baki Selcuk sicher, dass viele Pflegende in seiner Klinik auf eine Gefährdungsanzeige verzichten, weil sie Angst haben, anschließend von den Vorgesetzten zur Rede gestellt zu werden. Immer wieder treffen sich der Helios-Betriebsrat aus Berlin-Zehlendorf und die Geschäftsführung vor Gericht. Im vergangenen Jahr musste der Konzern 150 000 Euro Strafe zahlen, weil Dienstplanänderungen trotz fehlender Zustimmung des Betriebsrats einfach durchgeführt wurden. Im April gab es erneut ein Urteil: 88 000 Euro Ordnungsgeld wegen nicht gewährter Pausen.

Trotz allem ist Silvia Habekost davon überzeugt, dass sie keinen Burn-out bekommen wird. Nicht nur arbeitet sie in einem Bereich, in dem der Rationalisierung Grenzen gesetzt sind: „Wenn kein Anästhesie- oder OP-Team da ist, fällt die OP schlicht aus.“ Sie macht auch viel Sport und engagiert sich als ver.di-Vertrauensfrau für die Verbesserung der Situation. Zusammen mit Kolleginnen hat sie den bisher größten Warnstreik in ihrem Krankenhaus organisiert, der sich am Vorgehen des Pflegepersonals in der Charité orientierte. Dort sah sich die Geschäftsführung vor zwei Jahren gezwungen, während des elftägigen Streiks für mehr Personal ein Drittel der Betten zu sperren. Danach unterschrieb sie einen Tarifvertrag, der eine Mindestbesetzung der Stationen regelt.

So schlagkräftig ist die Belegschaft im Vivantes-Klinikum in Berlin-Friedrichshain zwar noch lange nicht. Aber Silvia Habekost arbeitet daran. Auf der Anästhesie sind inzwischen 80 Prozent der Pflegekräfte Gewerkschaftsmitglieder, seit ein paar Tagen hat Silvia Habekost auch im Aufsichtsrat ein Mandat. „Meine Methode, psychisch nicht krank zu werden, ist der Versuch, die kranke Situation zu ändern.“ Ein anderes Arbeitsfeld kommt für sie nicht infrage: Sie liebt ihren Beruf.

Aufmacherfoto: imago/Joachim Schulz


WEITERE INFORMATIONEN

Böckler-Studie zum Personalschlüssel in Krankenhäusern: Wie in anderen Ländern üblich, muss es auch in Deutschland gesetzliche Vorgaben für die Personalbemessung in der Krankenpflege geben. Das könnte Überlastung und Komplikationen reduzieren.

Michael Simon, Sandra Mehmecke: Nurse-to-Patient Ratios: Ein internationaler Überblick über staatliche Vorgaben zu einer Mindestbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser, Working Paper der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 27, Februar 2017.

Siehe auch Pressemitteilung vom 9. Februar 2017: Gesetzliche Mindeststandards für Personalschlüssel in der Krankenpflege können Überlastung und Komplikationen reduzieren

Für den Nachtdienst-Check schwärmten Hunderte ver.di-Mitglieder aus, um bei ihren Kollegen die Daten für die größte Erhebung in diesem Bereich zu sammeln. Die Untersuchung fand in 238 Krankenhäusern statt – davon 71 Prozent öffentlich, 21 privat und acht Prozent kirchlich oder gemeinnützig geführt. Die Gewerkschaft definiert die Studie als politische Aktion, die wie ein Blitzlicht eine sonst im Dunkeln liegende Situation beleuchten soll. Die Ergebnisse und statistischen Zusammenhänge wurden auf Signifikanz geprüft. Nachtdienstreport: Krankenhäuser gefährlich unterbesetzt

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