Wie der Kapitalismus aus Muße Faulheit machte

Wie der Kapitalismus aus Muße Faulheit machte

Rezension In zwei Essays erklären Hans-Jürgen Arlt und Rainer Zech, wie die Arbeitsgesellschaft erfunden wurde – und wie wir sie überwinden.

In der Springer-Reihe „essentials“,  deren schmale Bände aktuelles Wissen in konzentrierter Form präsentieren, haben Hans-Jürgen Arlt, früher Pressesprecher des DGB, und Rainer Zech, Coach und Berater, zwei Essays veröffentlicht, die von der Arbeit handeln.

Der erste Essay, „Arbeit und Muße“, von beiden gemeinsam verfasst, wirbt für den „Abschied vom Arbeitskult“. In der Antike war Arbeit identisch mit Unfreiheit und galt für Sklaven und Lohnempfänger. Freiheit und Muße genossen nur Herrschaften. Mit den bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts änderten sich auch Bedeutung und Funktion der Arbeit. Arbeit wurde jetzt zum wichtigsten Hebel der Befreiung aus feudalem Erbuntertanen-Dasein.

Ehemalige Knechte, Mägde und Bauern, die das Land Adeliger bebauten, zogen massenhaft in die Städte und wurden Lohnarbeiter, Gehilfinnen, Gesellen und Handwerker. Nicht-Arbeiten-Wollen erschien nun als Faulheit, Nicht-Arbeiten-Können als Schicksal.

Im industriellen Zeitalter wurde Arbeit zum Lebensmittelpunkt und zum Lebenszweck. Die Autoren erinnern daran, dass eine Arbeitsgesellschaft ohne Muße „keine Kultur im emphatischen Sinne“ hat. Freizeit, das erkannte schon Karl Marx, ist die Voraussetzung für Muße. Aber auch die Arbeit selbst muss verändert, aus der Herrschaft des Kapitals befreit werden.

Der zweite Essay,  „Arbeit und Freiheit“, den Hans-Jürgen Arlt allein verfasst hat,  beschreibt die „Paradoxie der Moderne“, Freiheit als höchsten Wert zu feiern, aber gleichzeitig mit der Erwerbsarbeit eine unfreiwillige, fremdbestimmte Tätigkeit ins Zentrum des Leben zu rücken.

Arlt kritisiert in dem Band auch den Begriff der „guten Arbeit“, den die Gewerkschaften so gerne verwenden. Hiermit würden unerfüllbare Erwartungen an Arbeit geschürt und die „Illusion verbreitet, die Arbeitsgesellschaft könnte eine gute Gesellschaft werden.“Die Befreiung in der Arbeit gerät, so Arlt, dann zum „Gegenprogramm der Befreiung von der Arbeit“.

Folgerichtig beendet er seinen Essay mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen: „Vieles spricht dafür, in einem ersten Schritt die eigenständige soziale Existenz aus dem direkten Zusammenhang mit der individuellen Arbeitsleistung zu befreien.“

Arlt und Zech sind keine Utopisten, Sie wollen Alternativen aufzeigen zu einer Welt, in der die Digitalisierung und die Krise der Arbeitsgesellschaft die die Arbeitenden Fremdbestimmung, Stress und Zwang aussetzt und gleichzeitig wachsende Ungleichheit schafft.

Das „gute Leben“, in dem Arbeit und Muße sowie Arbeit und Freiheit keine Gegensätze sind, liegt jenseits einfacher Lösungen und jenseits einer gewinnorientierten Buchhaltung. Die Essays, jeweils etwas 30 Seiten und mit maßvollen Verweisen auf weiterführende Literatur,  sind keine einfache, auch keine bequeme, aber eine instruktive Lektüre.

Foto: Karsten Schöne


Hans-Jürgen Arlt/Rainer Zech, Arbeit und Muße. Ein Plädoyer für den Abschied vom Arbeitskult, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2015, 41 Seiten, 9,99 Euro; als E-Book 4,99 Euro. Hans-Jürgen Arlt, Arbeit und Freiheit. Eine Paradoxie der Moderne, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2017, 38 Seiten, 9,99 Euro; als E-Book 4,99 Euro


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