Wie können Flüchtlinge an Unis integriert werden?

Wie können Flüchtlinge an Unis integriert werden?

Stiftung Sprache, Geld, Bürokratie: Sarah Winter, die in der Hans-Böckler-Siftung das Bewerbungsverfahren Böckler-Aktion-Bildung (BAB) betreut, erklärt, vor welchen Problemen Menschen stehen, die geflohen sind und studieren wollen.

Wie steht es um die Integration von geflüchteten Menschen in den Hochschulen?

Es gibt eine Menge zu tun. Angefangen bei der Zahl der Sprachkurse über die Qualität der Beratung durch die Jobcenter und Arbeitsagenturen bis hin zur Finanzierung des Studiums, die oft problematisch ist.  Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen.

Viele Flüchtlinge haben Probleme, ihre Abschlüsse anerkennen zu lassen.

Es gibt ein Zentralregister der Kultusministerkonferenz, mit dessen Hilfe sich jeder informieren kann, was ein ausländischer Bildungs- oder Berufsabschluss in Deutschland wert ist. Außerdem gibt es ein ähnliches Register der Bundesregierung.

Was ist, wenn gar keine Dokumente vorliegen?

Dann behelfen sich die Anerkennungs- und Beratungsstellen in Deutschland mit einem dreistufigen Verfahren: Zu Beginn wird festgestellt, ob die Person aufgrund ihres aufenthaltsrechtlichen Status für ein Studium infrage kommt. Ist dem so, wird versucht, die Plausibilität der Biografie mittels einiger Fragen zu überprüfen. Zum Schluss durchläuft die Person fachliche Tests, bei denen entsprechende Leistungen nachgewiesen werden müssen. Das ist recht gut geregelt.


VERANSTALTUNG

Am 1. und 2. März findet in Berlin das  Hochschulpolitische Forum „Willkommen im Hörsaal – Integration und Partizipation Geflüchteter“  statt. Die Tagung kann per Livestream und bei Twitter unter dem Hashtag #hopofo17 verfolgt werden.



Um studieren zu können, muss man auch ein gewisses Sprachniveau nachweisen. Gibt es ein ausreichendes Angebot an Sprachkursen?

Nein. Manche Hochschulen bieten mittlerweile ihrerseits Sprachkurse an. Diese werden im Nachhinein jedoch nicht immer von den Ausländerbehörden anerkannt. Dies kann dazu führen, dass die betroffene Person ihren Studienplatz verliert, da sie die Integrations- und Sprachkurse der Ämter besuchen muss. Hochschulen, Begabtenförderungswerke, Ministerien suchen nach Lösungen, aber es muss auch über rechtliche Änderungen nachgedacht werden.

Welche Rolle spielen die Arbeitsagenturen?

Leute mit einem abgeschlossenen Studium werden in den Arbeitsagenturen häufig nicht richtig beraten. Sie werden verdonnert, in einem Lager Kisten zu stapeln oder nachts in einer Bäckerei zu stehen. Da interessiert die Promotion in Mathematik nicht. Was die Betroffenen natürlich zurückwirft, denn sie sind ja fachlich versiert und hätten gegebenenfalls gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt – in ihrer Profession.

Was, wenn Sie sich weigern, einfachste Jobs anzunehmen?

Dann werden die Leistungen gekürzt. Von solchen Fällen jedenfalls haben wir gehört. Dass die Arbeitsagenturen mit dem Ziel beraten, die Menschen auf dem einfachsten Weg auf dem  Arbeitsmarkt unterzubringen, ist allerdings auch verständlich. Doch müsste die Bildungs- und die Jobberatung besser verzahnt werden.

Ziel der Beratung könnte sein, gemeinsam mit den Betroffenen Wege zu entwickeln, auf denen sie mit ihren individuellen Lebensläufen in Deutschland Fuß fassen können.

Im besten Fall werden die Flüchtlinge über ihre Perspektiven offen beraten. Der Garantiefond der Otto Benecke Stiftung macht dies beispielsweise. Die gucken sich an, wer wo herkommt, was wer mitbringt, wie eine Bildungskarriere in Deutschland aussehen könnte. Da kommt natürlich auch eine Berufsausbildung infrage.

„In den Seminaren der Stiftung lernen die Geflüchteten demokratische Werte und Institutionen kennen“.

Wann kann die Studienförderung der Hans-Böckler-Stiftung helfen?

Sobald die Geflüchteten BAföG-berechtigt sind, können sie sich bei uns um ein Stipendium bewerben. Ebenso wichtig ist die ideelle Förderung. Wir beraten und begleiten die Stipendiaten und bieten ihnen ein umfangreiches Seminarprogramm. Damit eröffnen wir die Möglichkeit, demokratische Werte und Institutionen, ein pluralistisches Parteiensystem, Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung kennenzulernen. Dies ist unser Beitrag zur Integration.

Stimmen sich alle Instanzen ausreichend ab?

Nein. Ein Beispiel: Es gibt Geflüchtete, die im Herkunftsland schon einige Semester studiert haben und jetzt an einer deutschen Hochschule eingeschrieben und BAföG-berechtigt sind. Die Hochschule stuft solche Leute oft fachlich ein paar Semester zurück. Wenn sie ins dritte Fachsemester zurückgestuft werden, aber vom BAföG-Amt fünf Hochschulsemester angerechnet bekommen,  kann das beim BAföG-Bezug zu einem Riesenproblem werden, da sie die Regelstudienzeit überschreiten. Das wird echt schwierig, weil sie aus der Förderung herausfallen.

Gibt es noch andere Probleme?

Personen, die einen Asylantrag gestellt haben, bekommen BAföG nur so lange, bis ihr Asylverfahren beginnt. Ab dann sind sie so lange nicht mehr BAföG-berechtigt, bis das Asylverfahren abschließend geklärt ist. Diese Phasen können ein Jahr bis eineinhalb Jahre dauern. Mittlerweile geht es wieder etwas schneller. Wir haben in dieser Zeit keinerlei Möglichkeiten, die Studierenden zu unterstützen.

Das heißt, die Bürokratie geht oft an der Lebensrealität vorbei?

Absolut. Zumindest die Böckler-Stipendiaten profitieren hier von der Arbeit unserer Vertrauensdozenten und Stipendiatengruppen. Es ist bemerkenswert, wie engagiert sie sich auf die Situation eingestellt haben, dass die Stiftung viele Geflüchtete fördert. Viele haben es zu ihrer persönlichen Aufgabe gemacht, die Geförderten auch wirklich an der Hochschule zu integrieren und dafür Sorge zu tragen, dass diese dort gut ankommen. Das ist sehr beeindruckend und keine Selbstverständlichkeit.


WEITERE INFORMATIONEN

Die Hans-Böckler-Stiftung als Begabtenförderwerk der deutschen Gewerkschaften hat eine lange Erfahrung damit, begabte junge Leute aus nicht-akademischen Elternhäusern im Studium zu unterstützen – finanziell, mit Seminarangeboten und durch das Engagement von Böckler-Stipendiatengruppen und von Vertrauensdozenten, die es an den meisten Hochschulen gibt. Mehr als zwei Drittel der rund 2600 aktuellen Stipendiaten sind die ersten in ihrer Familie, die studieren, knapp ein Drittel hat einen Migrationshintergrund.

Mit der Böckler-Aktion Bildung (BAB) hat die Stiftung ihr Profil  weiter geschärft: Unter den BAB-Stipendiaten, die in den Jahren 2013 bis 2015 aufgenommen worden sind, stammen sogar rund drei Viertel aus Familien, die als Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Seit 2007 hat die Stiftung mit der Böckler-Aktion Bildung 1.000 junge Frauen und Männer in die Förderung aufgenommen. BAB richtet sich gezielt an junge Menschen, deren Familien kein Studium finanzieren könnten – und die deshalb einen vollen BAföG-Anspruch haben.

Im Jahr 2008 stellte das Magazin Mitbestimmung die jungen Talente der Böckler-Aktion Bildung erstmals vor. Ebenfalls mit einem BAB-Stipendium studiert Jusra Esmahil, 19, aus dem irakisch-kurdischen Erbil Jura an der Frankfurter Goethe-Universität.

Foto: Uli Baatz


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