Wissenschaftler-Treffen: Argumente für mehr Beteiligung

Wissenschaftler-Treffen: Argumente für mehr Beteiligung

Stiftung In Berlin luden das WZB und die Hans-Böckler-Stiftung zu einer Bestandsaufnahme der internationalen Mitbestimmungsforschung.

Die Gewerkschaften in Europa streiten für eine Umkehr im europäischen Unternehmensrecht – weg von der einseitigen Fixierung auf die Interessen der Anteilseigner, hin zu mehr Arbeitnehmerrechten, zu mehr Beteiligung, zu mehr Demokratie am Arbeitsplatz. Dass sie sich dabei auch auf wissenschaftlich fundierte Argumente stützen können, zeigte die Konferenz „Was leistet die Mitbestimmung: Was sagt die Wissenschaft?“, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und die Hans-Böckler-Stiftung am 11. Juni in Berlin veranstalteten.

Anknüpfend an eine erste gleichnamige Tagung vor zwei Jahren, gaben mehr als 25 Vorträge Einblick in die internationale Mitbestimmungsforschung. Mit einem Fazit, das sich kaum von den Forderungen der Gewerkschaften unterschied: Nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung braucht es – und zwar in ganz Europa. Dass das national ganz unterschiedlich ausgestaltet sein kann, machte WSI-Direktorin Anke Hassel deutlich, als sie erste Ergebnisse der von ihr geleiteten Expertengruppe „Workers’ Voice“ vorstellte. „Wir müssen im europäischen Vergleich mehr über Funktionen als über Institutionen nachdenken“, sagte Hassel. Aber: Wie auch immer die Arbeitnehmervertretung konkret organisiert werde, sie müsse verpflichtend sein – und die Nichteinhaltung strafbar.

Wir müssen im europäischen Vergleich mehr über Funktionen als über Institutionen nachdenken.
Anke Hassel, WSI-Direktorin
WSI-Direktorin Anke Hassel stellt die ersten Ergebnisse der Expertengruppe "Workers’ Voice in Europe" vor. (Foto: Stephan Pramme)

Die positive Wirkung der Mitbestimmung ist durch den von WZB-Forscher Sigurd Vitols entwickelten Mitbestimmungsindex (MB-ix) für deutsche Unternehmen erstmals messbar geworden. Mitbestimmte Unternehmen, sagte Vitols, tun mehr für Ausbildung und gute Arbeit und legen mehr Wert auf Nachhaltigkeit. Und sie sind besser durch die Finanzkrise gekommen, nicht nur in Deutschland: Aleksandra Gregorič, Professorin an der Copenhagen Business School, hat das für Dänemark, Schweden und Norwegen untersucht. „Unternehmen mit Arbeitnehmern in den Führungsorganen“, bilanzierte sie, „haben in der Krise weniger Personal entlassen.“

Sigurd Vitols bei seinem Vortrag „Co-Determination and Sustainable Companies in Germany“ (Foto: Stephan Pramme)

Und auch was die Verteilung der Geschlechter in Führungsorganen angeht, lässt sich die Wirkung der Mitbestimmung messen: Katrin Scharfenkamp von der Universität Duisburg-Essen hat Unternehmen in Deutschland und Norwegen unter die Lupe genommen – und festgestellt, dass in beiden Ländern mehr Frauen in Aufsichts- oder Verwaltungsrat saßen, wenn die Unternehmen mitbestimmt waren. „Ein signifikant positiver Effekt“, erklärte die Ökonomin.

Zu den größten Herausforderungen für bestehende nationale Mitbestimmungsregelungen, darüber herrschte Einigkeit, zählt neben dem EU-Recht die rasant wachsende Zahl transnationaler Unternehmen. Nationale Differenzen auf Arbeitnehmerseite sind dabei jedoch das geringste Problem, wie ein Forschungsprojekt des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) zeigte: Da, wo heute schon Arbeitnehmervertreter aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten, in den Aufsichtsräten zumeist deutscher SE-Unternehmen, laufe das weitgehend konfliktfrei. Zumindest daran also würde mehr Mitbestimmung in Europa nicht scheitern.

Aufmacherfoto: Stephan Pramme


WEITERE INFORMATIONEN

Programm und weitere Inhalte zur Veranstaltung auf der Website des WZB


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